Veröffentlicht durch marcus am 28.1.2002, 19:54.
Autor: Karl Theodor Schuon
"„Entschließen wir uns, Europa nicht zu imitieren. Spannen wir unsere Muskeln und Gehirne für einen neuen Kurs an. Versuchen wir den totalen Menschen zu erfinden, den zum Siege zu führen Europa unfähig war (240)." Dieser Satz des großen Schlußappells aus dem Hauptwerk Frantz Fanons enthält die Quintessenz seines revolutionären Programms: gegen ein korruptes Europa, „das nicht aufhört, vom Menschen zu reden, und ihn dabei niedermetzelt, wo es ihn trifft" (239), wird die Welt der Kolonisierten aufgerufen, „durch die absolute Gewalt" (29) die Kolonialherrschaft zu brechen und einen neuen Mensehen, den „totalen Menschen" zu schaffen - eine neue Qualität in der Entwicklung der Geschichte der Menschheit."
"Das ist, man möchte fast sagen, die ideologische Einkleidung einer Theorie der afrikanischen und südamerikanischen Revolution, die Fanon in mitreißenden Formulierungen, pathetischen Ausbrüchen, aber auch detailierter Beschreibung gesellschaftlicher Zustände in diesem seinem Hauptwerk gleichsam als Testament hinterließ - am Tage seines Todes im Dezember 1961 wurde das Buch in Paris veröffentlicht. Inzwischen ist es nicht nur das meistgelesene Buch der Revolutionäre Afrikas und Südamerikas. Es ist auch die Bibel der „Black Power"-Bewegung geworden und Fanon ihr Prophet. Der 1924 in Martinique geborene Bauernsohn studierte in Frankreich Philosophie und Medizin, ging 1953 als Arzt nach Algerien und wurde Chefarzt der psychiatrischen Klinik in Blida-Joiville. Drei Jahre später demissionierte er und unterstützte nun den Kampf der Nationalen Befreiungsfront, zeitweilig als Botschafter der provisorischen algerischen Regierung in Accra, bis er einer unheilbaren Krankheit erlag.
Fanons Theorie der kolonialen Revolution basiert auf den Grunderkenntnissen von Marx, kann aber starke Einflüsse Hegels nicht verleugnen. Die Dialektik von Herr und Knecht (von Sartre unnötigerweise im Vorwort noch einmal ausgebreitet, doch ohne empirische Relevanz) wird von Fanon massenpsychologisch fundiert und ausgeweitet, nicht so sehr ökonomisch, was ihm ermöglicht, den „totalen Menschen" zu fordern, der im Prozeß der Dekolonisation entsteht, der in diesem Befreiungsprozeß geschaffen wird aus einem Wesen, das bis dahin kein Mensch, sondern ein Halbtier oder Halbmensch war. Denn der Gegensatz des Kolonisierten zum Kolonialherrn ist kein menschlicher Gegensatz, sondern der Gegensatz zwischen Mensch und Unmensch. Nur die gewaltsame Revolution schafft den Eingeborenen wieder als Mensch, befreit ihn von Frustration, Repression und ungerichteter, selbstzerstörender Aggression, lenkt diese auf das einzig sinnvolle Ziel, seinen Unterdrücker und Zerstörer seines Menschseins. Die Analyse der Kolonialwelt als einer zweigeteilten Welt, einer in Abteile getrennten Welt liefert die Basis dieser radikalen Forderungen, wie sie seit Sorel nicht mehr gehört wurden. Sorels Theorie einer befreiend wirkenden Gewalt entbehrt allerdings einer vergleichbaren empirischen und rationalen Basis. Die zweigeteilte Welt des Kolonisierten ist gekennzeichnet durch nackten Terror der Polizei und der Armee; keine Manipulationsmechanismen, keine tradierte Moral oder eingespielte Verhaltensmuster halten die Herrschaft aufrecht, sondern unverhüllte, zur Schau gestellte Gewalt. Die Wohnplätze sind räumlich getrennt in Beton- und Asphaltstädte und ausgehungerte, unzivilisierte Negerdörfer. Keine autochthone Herrenschicht, sondern eine fremde Rasse zieht eine genaue Grenze zwischen sich und den farbigen Unmenschen. Die Ökonomie ist damit Unterbau und Überbau zugleich, die rassische Unterteilung ist nicht zu überspringen."
Fortsetzung: trend.partisan