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Die Revolte in Argentinien und die globale Krise

Abteilung: revolteVeröffentlicht durch marcus am 4.7.2002, 20:54. Aus der Argentinien-Abteilung.

Chris schreibt:
"Die Explosion der Wut, die in den Straßen von Buenos Aires am 19.-20. Dezember erschien, hat nicht nur eine Regierung gestürzt. Sie zeigte auch, wie eine Wirtschaftskrise plötzlich eine potentiell revolutionäre Lage schaffen kann. In der Zeit danach ging die Präsidentschaft durch vier verschiedene Hände, bis sie bei Duhalde, dem Vizepräsidenten in den späten 80er Jahre und dann Ministerpräsidenten von Buenos Aires, gelandet ist. Wo ich sechs Wochen später schreibe, zeichnet sich keine Beruhigung des Aufruhrs auf der Straße ab. Es gibt Berichte über Caceralazo-Proteste in Buenos Aires und ähnliche Proteste in Dutzenden der Provinzstädte. Die Berichte auf der Website des Fernsehsenders Azul zu verfolgen, ist ein wenig so, als würde man Beschreibungen von Deutschland im Jahre 1923 lesen, im Jahre eines verfehlten revolutionären Aufstandes und des gescheiterten Hitlerputsches in München."

"Die Explosion der Wut, die in den Straßen von Buenos Aires am 19.-20. Dezember erschien, hat nicht nur eine Regierung gestürzt. Sie zeigte auch, wie eine Wirtschaftskrise plötzlich eine potentiell revolutionäre Lage schaffen kann. In der Zeit danach ging die Präsidentschaft durch vier verschiedene Hände, bis sie bei Duhalde, dem Vizepräsidenten in den späten 80er Jahre und dann Ministerpräsidenten von Buenos Aires, gelandet ist. Wo ich sechs Wochen später schreibe, zeichnet sich keine Beruhigung des Aufruhrs auf der Straße ab. Es gibt Berichte über Caceralazo-Proteste in Buenos Aires und ähnliche Proteste in Dutzenden der Provinzstädte. Die Berichte auf der Website des Fernsehsenders Azul zu verfolgen, ist ein wenig so, als würde man Beschreibungen von Deutschland im Jahre 1923 lesen, im Jahre eines verfehlten revolutionären Aufstandes und des gescheiterten Hitlerputsches in München. In einem Ort nach dem anderen haben piqueteros Straßen blockiert, Hungrige marschieren in die Supermärkte ein und verlangen Lebensmittel, Menschen, deren Konten gesperrt wurden, lassen ihre Wut an den Bankfilialen aus. Der Chef der regierenden Partei im Senat hat öffentlich von der Möglichkeit eines "Bürgerkriegs" gesprochen. Die Regierung hat die Rückzahlung der Auslandsschulden ausgesetzt, die Inhaber privatisierter Konzerne verbal scharf attackiert, sogar Polizei zur Kontrolle der Finanzen ausländischer Banken geschickt. Doch gleichzeitig versucht sie den IWF zu überzeugen, dass sie sich mit ihm irgendwie einigen wird, und will Banken im ausländischen Besitz beruhigen und glaubhaft machen, dass sie ihnen nicht absichtlich schaden will.
Wenige Beobachter glauben, dass die Regierung die Unzufriedenheit beruhigen kann, die gleichwohl in der Mittelschicht und in der Arbeiterklasse wütet, oder dass sie die Forderungen des internationalen Kapitalismus befriedigen kann. Wie jede Regierung mitten in fast revolutionären Unruhen wird sie zuerst in die eine Richtung gezogen, dann in die andere und wieder zurück, unfähig, eine konsequente Politik zu führen, unfähig, sich Gedanken über was anderes als das eigene Überleben zu machen.
Es ist noch zu früh, um klar zu sehen, wie die Lage sich entwickeln wird. Manche Kommentatoren haben vom "Zusammenbruch des Staates" gesprochen. Das ist übertrieben. Die "Formationen bewaffneter Menschen" des Staates waren am 20.Dezember in Buenos Aires noch in der Lage, mindestens 24 Demonstranten zu töten und in anderen Städten weitere 20. Sie haben Proteste - insbesondere in der Provinz - seitdem immer wieder angegriffen. Doch kann es keine Zweifel daran geben, dass die Autorität des Staates enorm geschwächt worden ist. Und das Militär, in der Vergangenheit so oft Schlichter in der Politik des Landes, war bisher nicht willens, sich einzumischen. Ein Offizier sagte Journalisten, "Auch wenn die Situation sich zur Anarchie oder zum Bürgerkrieg entwickelt, wird meine größte Sorge sein, wenn ich gebeten werde zu intervenieren, dass meine Männer meinem Befehl noch gehorchen."
Dieser Zustand der Instabilität kann nicht ewig dauern. Die diversen Elemente innerhalb der argentinischen herrschenden Klasse versuchen verzweifelt, eine gemeinsame Strategie zu entwickeln, mit der sie die Kontrolle über die Ereignisse wiedererlangen und den Aufstand auf den Straßen beenden können. Sollen sie erfolgreich sein, werden sie ohne jegliche Zweifel alle Staatsgewalten einsetzen, um ihre Version der "Ordnung" wieder durchzusetzen und sich gegen diejenigen zu rächen, die ihre Macht in Frage gestellt haben.
Aber sie sind noch weit entfernt davon, das tun zu können. Im jetzigen Moment hat der argentinische Aufstand eine riesige Bedeutung für das globale System und für seine Opposition, die sich in den zweieinhalb Jahren seit Seattle entwickelt hat.

Präzedenzfälle in Argentinien

Wie in jeder großen Rebellion haben die Menschen in Argentinien auf ihr kollektives Gedächtnis zurückgegriffen. Dreimal im zwanzigsten Jahrhundert führten riesige Aufstände von unten zu Konflikten mit dem Staat, deren Ausgang sich jeweils jahrelang tiefgehende Wirkung auf die gesellschaftliche Entwicklung hatte.
Der erste große Kampf war im Januar 1919 - einem Jahr weltweiter revolutionärer Unruhen. Die Semaña Tragica (Tragische Woche) sah blutige Kämpfe zwischen Arbeitern und der Staatsgewalt in Buenos Aires.
Die Polizei lancierte einen schweren Angriff auf die Vasenaer Metallarbeiter, die sich seit einigen Tagen im Streik befanden. Etwa 200.000 von anarchistischen Gewerkschaftsführern angeführte Arbeiter zogen zum bestreikten Betrieb. Ein Schusswechsel brach aus, aber die Arbeiter konnten die Polizei überwältigen. Die Regierung befahl daraufhin das Militär in die Stadt, worauf andere, syndikalistische Gewerkschaften mit dem Aufruf zum Generalstreik antworteten. Der Streik war anfangs sehr effektiv, doch am Ende zeigte die schiere Repression Wirkung. Einzelne Gewerkschaften gaben auf, während Gruppen rechter Bürger gemeinsam mit der Polizei und dem Militär gegen die Arbeiterviertel vorgingen, wobei sie Gewerkschaftshäuser überfielen und Arbeiter ermordeten. Nach Angaben der sozialistischen Presse gab es am Ende 700 Tote und 4.000 Verletzte. Im folgenden Jahr brach das Militär syndikalistisch angeführte Streiks der Landarbeiter in Patagonien und richtete dabei 1.500 Streikende hin.
Das Ergebnis dieser Kämpfe hatte einen entscheidenden Einfluss auf das Muster der argentinischen Politik in den folgenden zwei Jahrzehnten. "Die Rolle der Gewerkschaften wurde allgemein geschwächt", während die Rolle des Militärs als politischer Schlichter des Landes verstärkt wurde. Es konnte nach einem Putsch im Jahre 1930 ein "infames Jahrzehnt" einleiten, in dem konservative Regierungen durch Wahlmanipulation, Korruption und den fast vollständigen Ausschluss der Arbeiter vom politischen Leben über das Land herrschten.
Die nächste große Konfrontation war am 17. Oktober 1945, "ein Ereignis, das in die Mythologie der argentinischen Arbeiterbewegung eingegangen ist. An diesem Tag betrat die Arbeiterklasse massiv und explosiv die politische Bühne."
1943 ergriff eine Gruppe nationalistischer Armeeoffiziere die Macht. Sie taten das zu einer Zeit, in der Wirtschaftswachstum zur Verbreitung der Kampfbereitschaft in der Arbeiterklasse beigetragen hatte, und einer der Offiziere, Juan Peron, nahm es an sich, diese Bewegung unter Kontrolle zu halten. Er bestand darauf, dass Arbeitgeber einigen Forderungen der Arbeitnehmer nachgeben sollten. Dadurch konnten Führer, die hinter seinen eigenen politischen Ambitionen standen, selbst die nötige Unterstützung gewinnen, um in den wichtigsten Gewerkschaften, die rapide an Mitglieder und an Einfluss gewannen, eine vorherrschende Position einzunehmen. Bis 1945 schliesslich verbreitete sich in Teilen der herrschenden Klasse die Meinung, dass er zu weit gegangen sei. Sie überzeugte Perons Offizierskollegen, ihn aus der Regierung zu entfernen.
Arbeiter sahen diesen Angriff gegen einen Oberst, der ihnen Zugeständnisse gemacht hatte, als eine Bedrohung ihres Lebensstandards und ihrer Würde. Während sich eine Streikwelle über das Land ausbreitete, rief der Gewerkschaftsbund CGT zum Generalstreik auf. Riesige Arbeiterkolonnen zogen zum Plaza de Mayo mitten in Buenos Aires. Das Militär bekam einen Schreck und sah sich gezwungen, Peron wieder einzusetzen. Das Momentum des Sieges auf der Straße sorgte dafür, dass er im folgenden Jahr eine klare Mehrheit in der Präsidentschaftswahl errang und das Land bis 1955 regierte.
Der Sieg der Arbeiter war zwiespaltig. Er schaffte Umstände, in denen die Arbeitgeber gezwungen wurde, Reallöhne in den folgenden vier Jahren um mehr als 30 % zu erhöhen. Die Gewerkschaftsführer übten bedeutenden Einfluss in der "Justizialistischen Partei" aus, die Peron gründete. Seine Regierung führte eine Art soziales Netz ein, Anerkennung der Gewerkschaften, bezahlten Urlaub, Abfindungen bei Entlassung, Geldleistungen für Bedürftige. Doch die Form des Sieges band Arbeiter und die Arbeiterbewegung an den Mythos des "Arbeiteroberst" und den Personenkult um seine Frau "Evita" - und an einen Nationalismus, der die Einheit "patriotischer" Arbeitgeber und -nehmer predigte: "Internationaler Kapitalismus ist ein Werkzeug der Ausbeutung, nationales Kapital ein Werkzeug der Wohlfahrt."
Der dritte große Aufstand war der Cordobazo im Jahr 1969 - das argentinischen Gegenstück zum Mai 1968 in Frankreich und zum italienischen "heissen Herbst". Er fand vor dem Hintergrund von zwei Jahrzehnten von Angriffen auf Reallöhne und Arbeitsbedingungen statt.
Unter Peron hatten die Reallöhne angefangen zu sinken, doch nach Meinung des argentinischen Kapitalismus waren die Gewerkschaften immer noch zu stark, und er wurde 1955 vom Militär gestürzt. Es gab nicht die sofortige, koordinierte Revolte der Arbeiter wie zehn Jahre früher, doch massivste Repression wurde notwendig, um den weit verbreiteten Widerstand zurückzuschlagen, der Straßenschlachten, einen zweitägigen Generalstreik und bewaffnete Sabotage einschloss. Im nachfolgenden Jahrzehnt griff der argentinische Kapitalismus jede Gelegenheit auf, um Aktivisten zu schikanieren ... Jeder erfolgreichen Verteidigung ihrer Lebensstandards durch die Arbeiter folgte steigende Inflation, durch die die Arbeitgeber ihre Profite wieder gutmachten, und Rezessionen, die den Arbeitern die Kampfbereitschaft gegen staatliche Repression raubten. Bis 1960 standen Reallöhne in Buenos Aires wieder auf dem Niveau von 1946 und bis 1965 war der Anteil der Arbeiter am Bruttosozialprodukt von 49,9% auf 40,7% gesunken. Dies war die Kehrseite der "entwicklungsorientierten" Strategie einer herrschenden Klasse, die die nötigen Profite suchte, die den Aufbau einer auf dem Weltmarkt konkurrenzfähigen Schwerindustrie ermöglichen würde.
Diese Angriffe führten zu großer Verbitterung innerhalb der Arbeiterklasse. Diese fand Ausdruck in einer enormen Treue gegenüber der peronistischen Gewerkschaftsbürokratie und einer so großen politischen Identifizierung mit dem exilierten Peron, dass er jede wirklich offene und freie Wahl gewonnen hätte. Das war Anlass für die Intervention des Militärs gegen zivile Regierungen 1962 und 1966 und die folgende Militärdiktatur General Onganias. Diese fror Löhne ein, brach Streiks und übernahm Gewerkschaften, die versuchten Widerstand zu leisten. Sie verbot auch noch alle politischen Parteien, auch die bürgerlichen, und versuchte militärische Leitung in jedem Bereich der Gesellschaft durchzusetzen, zum Beispiel indem sie die Universitäten unter ihrer Kontrolle brachte.
Im Mai 1968 tötete das Militär zwei Studenten während Demonstrationen gegen Essenspreise. Protestdemonstrationen und vereinzelte Streiks brachen aus und die Gewerkschaftsbünde riefen einen landesweiten Generalstreik für den 30. Mai aus.
Cordoba war das Zentrum der Autoindustrie, die erst in den vergangenen 20 Jahren entstanden war. Die Löhne waren besser als in etlichen anderen Industriebranchen, und manche sahen die Autoarbeiter als eine "Arbeiteraristokratie". Doch die Neuigkeit der Industrie und die relative Jugend der Beschäftigten bedeutete auch, dass sie weniger von der Erfahrung vergangener Niederlagen betroffen waren und auch weniger gewohnt, auf die Gewerkschaftsbürokratie zu hören. Die Autobetriebe und Kraftwerke entschieden sich, den Generalstreik mit einem "aktiven Streik" am 29. Mai zu unterstützen. Arbeiterkolonnen - manche mit Molotowcocktails bewaffnet - zogen ins Stadtzentrum, Sitz der Polizei, der Hotels und der Banken. Es waren "4.000 IKA-Renault-Arbeiter, 10.000 Metallarbeiter, 1.000 Arbeiter der Kraftwerke und so weiter." Die Arbeiter vertrieben 4.000 Polizisten und übernahmen das Stadtzentrum. Etwa 5.000 Soldaten wurden dann eingesetzt, die die Arbeiter zum Rückzug in die Arbeiter- und Studentenviertel zwangen, wo diese Barrikaden errichteten. Die folgende Repression tötete 16 Menschen, konnte aber nicht verhindern, dass der Aufstand die Schwäche der Militärregierung und die Kraft der Massenmobilisierung deutlich machte. Der Aufstand eröffnete eine dreijährige Phase von riesigen Streiks, Betriebsbesetzungen, Geiselnahmen von Managern, gewalttätigen Demonstrationen, Guerillaübergriffen auf die Staatsgewalt, und einem zweiten bewaffneten Aufstand in Cordoba, dem Viboraza.
Diese Welle der Kämpfe ebbte erst dann ab, als das Militär unter dem Druck der herrschenden Klasse zuliess, dass Peron ins Land zurückkehrte und im Oktober 1973 die Präsidentschaft übernahm. Die Regierung von ihm, und nach seinem Tod im Juni 1974 von seiner dritten Frau Isabel, spielte ungefähr die gleiche Rolle wie diejenigen, unter deren Schirmherrschaft der "Gesellschaftsvertrag" in Großbritannien, der "Pakt von Monclao" in Spanien und der "historische Kompromiss" in Italien eingeführt wurden. Die Perons konnten ihren Einfluss in den Bürokratien der Gewerkschaften einsetzen, um durch einen Pacto Social die Kampfbereitschaft der Arbeiterklasse wieder in Griff zu bekommen, während die Bourgeoisie und deren Staat ihre Kräfte wieder sammelten. Doch diese Neugruppierung nahm eine sehr viel blutigere Form als in Westeuropa an. Rechtsextreme Gruppen bekamen freie Hand, ihre Gegner physisch zu liquidieren. Just an dem Tag, als Peron ins Land zurückkehrte, griffen rechte paramilitärische Gruppen Linke an, die sich in der zwei Millionen Menschen starken Menge befanden, die Peron am Flughafen begrüßte - eine große Zahl von ihnen wurden getötet. Während der drei Jahren der peronistischen Regierung wurden mehrere Linke und Basisaktivisten der Gewerkschaften ermordet, während die Gewerkschaftsführer mit der Regierung zusammen arbeiteten. 1976 stürzte das Militär dann Isabel Peron in einem Putsch und startete den blutigsten Angriff gegen eine Arbeiterbewegung, der seit dem Zweiten Weltkrieg irgendwo auf der Welt stattgefunden hatte, in dem 30.000 Linke und Basisaktivisten ermordet wurden.

Das Wesen des Kampfes in Argentinien

Die drei großen Ausbrüche der Volkswut im 20. Jahrhundert hatten eines gemeinsam. Sie waren Konflikte zwischen der Industriearbeiterklasse einerseits und der Bourgeoisie mit deren Staat andererseits. Sie waren Klassenkonflikte, die der internen Dynamik der Entwicklung des argentinischen Kapitalismus selbst entsprangen, nicht einem anderen Produktionsmodus oder irgendeiner äußerlichen Ursache. Dies ist wichtig, denn die Realität - und die Wurzel der Explosion von 19.-20. Dezember - werden oft durch die Sprache verschleiert, die zur Beschreibung Argentiniens verwendet wird.
Argentinien wird normalerweise von Volkswirtschaftlern als "wachsender Markt" oder "Entwicklungsland" bezeichnet. Hier wird suggeriert, dass Argentinien sich auf dem Weg von einer Vergangenheit als armes, landwirtschaftlich orientiertes Land zur Zukunft als fortgeschrittenes Industrieland befindet, und dass seine Probleme daran liegen, dass dieser Weg nicht schnell genug beschritten wird. Einige Linke haben eine eigene Version von dieser Idee und sprechen von einer "abhängigen Wirtschaft", einem "Land der Dritten Welt" oder einer "Halbkolonie".
Es gibt tiefe Armut in dem Land heute, und sie besteht schon lange in den riesigen aber dünn besiedelten ländlichen Gebieten und den Wellblechstädte um Städte wie Buenos Aires und Cordoba. Doch der Grund dafür ist nicht, weil Argentinien historisch ein "armes, landwirtschaftliches" Land der "Dritten Welt" wäre. Vor einem Jahrhundert war es ein Land mit einer Wirtschaft sehr ähnlich denen von Australien, Kanada oder Neuseeland, die sich dem höchst profitablen Export von Produkten groß angelegter kapitalistischer Landwirtschaft (Fleisch, Wolle, Getreide) nach Westeuropa gewidmet hatte und als "Getreidespeicher der Welt" bezeichnet wurde. Die Beschäftigten waren keine für die Dritte Welt typisch indigenen Völker (die meisten von diesen waren im 19. Jahrhundert nach US-amerikanischem Vorbild ausgerottet worden), sondern Einwanderer und Saisonarbeiter aus Spanien und Italien, die durch Löhne angelockt wurde, die höher als in Südeuropa waren. Die Produktion pro Arbeiter war um einiges höher als in Frankreich oder Italien. Die herrschende Klasse hatte enge Verbindungen zu den Herrschern Großbritanniens - das Land war unter reichen britischen Auswanderern beliebt, es gab viel britisches Kapital und ungefähr ein Drittel der Exporte gingen nach Großbritannien - doch war sie auch unabhängig genug, um protektionistische Schutzzölle auf britische Industrieimporte zu erheben und im Ersten Weltkrieg neutral zu bleiben, während jede britische Kolonie Geld und Soldaten zu den imperialistischen Kriegsanstrengungen beitrug. "Argentinien am Anfang des Ersten Weltkriegs war ein moderner kapitalistischer Staat geworden," schreibt eine marxistische Geschichte des Peronismus.
Das Problem für die verschiedenen Teile der kapitalistischen Klasse Argentiniens während des zwanzigsten Jahrhunderts war nicht, dass ihnen nationale politische Unabhängigkeit fehlte. Diese hatte sie seit 1816 genossen. Das Problem war, dass sie über ein Land mit einem relativ kleinen Binnenmarkt und relativ wenigen Ressourcen herrschte, in einer Welt von viel reicheren kapitalistischen Klassen, die über größere Märkte und mehr Ressourcen verfügten. Das wurde ihnen jedes mal deutlich gemacht, wenn die Weltpreise von landwirtschaftlichen Waren und mit ihnen ihre Gewinne fielen. Dies geschah in der großen Rezession zwischen den Kriegen, als der Weltmarktpreis für Weizen um 75% sank.
Die argentinische Bourgeoisie, die sich ein Teil der Machtelite der Welt glaubte, stellte die Brüchigkeit des Gleichgewichtes fest, auf dem ihr Reichtum beruhte ... Sie könnte ihre Grenzen mit Chile oder Bolivien mit Zwang verändern, aber sie könnte die Franzosen nicht zwingen, ihr Land für ihr Getreide oder Fleisch zu öffnen.
Ihre Antwort ab den 1930er Jahren war der Versuch, landwirtschaftliche Profite in den Aufbau von vermutlich weniger krisenanfälligen produzierenden und extrahierenden Industrien zu lenken, die einen mit hohen Zöllen geschützten Binnenmarkt beliefern sollten. Regierungen, die von den landwirtschaftlichen kapitalistischen Interessen (oft die "Oligarchie" genannt) geprägt waren, begannen diese Entwicklung; Peron erhöhte in den späten 1940er Jahren ihre Intensität, und die postperonistischen Regierungen der 50er und 60er Jahren fuhren weiter auf demselben Weg. Die industrielle kapitalistische Klasse, die jetzt die alte landwirtschaftliche kapitalistische Oligarchie in den Schatten stellte, bestand aus zwei miteinander verstrickten Gruppierungen. Eine Gruppe privater Kapitalisten besaßen die kleine und mittlere Industrie, während staatliche Bürokraten (unter ihnen auch Offiziere des Militärs) die neue Großindustrie wie Eisen und Stahl, Autos, Kraftwerke und Öl leiteten. Beide pflegten Verbindungen zu den Bürokratien der Gewerkschaften, die so in einem Netz der Korruption eingebunden waren.
Solche Massnahmen ermöglichten die Industrialisierung Argentiniens. In den frühen 1970er Jahren arbeitete nur noch 13% der Bevölkerung auf dem Land, verglichen mit 34% in der Industrie. Die Wachstumsrate der Industrie war mit der von Italien vergleichbar (das in der Sprache von Wirtschaftswissenschaftlern damals gerade einen "Wirtschaftswunder" erlebte, obwohl immer noch eins der ärmeren westeuropäischen Länder und von Gebieten enormer Armut im Süden geprägt). Einige Zahlen für das Jahr 1972 machen den damals geringen Unterschied zwischen Argentinien und Italien deutlich:

Argentinien und Italien im Vergleich:
Fleischverbrauch (kg) pro Einwohner pro Jahr
90 kg zu 47 kg
Milchverbrauch (l) pro Einwohner pro Jahr
70 l zu 65 l
Speiseölverbrauch (l) pro Einwohner pro Jahr
10,3 l zu 7,9 l
Kalorien pro Einwohner pro Tag
3.170 kal zu 2.940 kal
Autos pro 100 Einwohner
11,6 St. zu 20,9 St.
Fernsehgeräte pro 100 Einwohner
14,9 St. zu 18,9 St.
Zeitungen pro 1000 Einwohner
128 St. zu 85 St.
Bewohner pro Wohnung
3,8 zu 3,1
Universitätsstudenten pro 1000 Einwohner
11,4 zu 11,7
Ärzte pro 1000 Menschen
18,9 zu 18,0
Sterblichkeitsrate pro 1000 Menschen
8,8 zu 9,6
Lebenserwartung
67,06 Jahre zu 65,77 Jahre

Es gab Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Argentinier waren ein wenig besser dran, was Lebensmittel betraf, Italiener besaßen mehr Gebrauchsgegenstände. Doch diese waren Unterschiede zwischen Ländern mit einem vergleichbaren Niveau der "Entwicklung"; das Ergebnis wäre ganz anders bei einem Vergleich z.B. zwischen Italien und Indien, oder gar zwischen Argentinien und Guatemala. Und Argentinien war wahrscheinlich weniger von ausländischem Kapital und ausländischen Importen abhängig. Importe machten nur ein Prozent der argentinischen Gebrauchsgüter aus, und ausländisches Kapital schlug, obwohl in gewissen Industriezweigen wichtig, insgesamt nur mit fünf Prozent der Fixinvestitionen zu Buche (verglichen mit 15,4% im Jahre 1943).
Seit 1972 hat eine riesige Veränderung stattgefunden. Eine große Kluft hat sich zwischen den Lebensstandards der Masse in den beiden Ländern entwickelt. Bei einem durchschnittlichen Stundenlohn (im produzierenden Gewerbe) von nur $1,67 schon vor der gegenwärtigen Krise - wobei sehr viele Menschen noch weniger bekommen - erlebt Argentinien heute Armut in einem Ausmaß, das in Italien seit den 40er Jahren nicht mehr zu finden ist. Sogar die durchschnittliche Kalorienaufnahme ist gesunken (obwohl sie sich immer noch auf einem ähnlichen Niveau wie in Großbritannien Mitte der 90er Jahre bewegt und um ein Drittel höher als in Ländern wie Guatemala und Bolivien ist). Das ist jedoch nicht wegen "Unterentwicklung" in Argentinien geschehen, sondern wegen der Widersprüche, mit denen ein schwacher Kapitalismus über einer bestimmten Entwicklungsstufe zu kämpfen hat. Vom Standpunkt des Kapitalismus gesehen, hat sich Argentinien seit 1972 "entwickelt" - und der Zustand der Mehrheit seiner Bevölkerung hat sich dabei verschlechtert.
Keine herrschende Klasse irgend eines Landes kann sich jemals auf ihren Lorbeeren ausruhen. Konkurrierende nationale Kapitalismen akkumulieren ohne Unterlass und deshalb kann sie es sich nicht leisten, ins Hintertreffen zu geraten. Eine, die über eine relative kleine Wirtschaft herrscht, steht vor besonderen Problemen, auch wenn es sich eher um eine Industrie- als um eine Agrarwirtschaft handelt. Die Abschottung des Binnenmarktes bot in der Vergangenheit eine vorübergehende Lösung für manche dieser Probleme. Die Enge des Marktes bringt aber unverhältnismäßig hohe Produktionskosten mit sich und die für eine erweiterte Produktion nötigen Ressourcen sind dementsprechend beschränkt. Daher die unablässigen Anstrengungen, die Ausbeutungsrate so weit wie möglich zu steigern und die wiederholten Neustrukturierungen, um mit Zwangsmaßnahmen Kapital aus den Händen von Kleinunternehmen in die von Großunternehmen zu verlagern. Damit war der argentinische Kapitalismus seit über einem halben Jahrhundert zugange. Das erklärt die Heftigkeit ihrer Konfrontationen mit der Arbeiterklasse, ihre politische Instabilität, der wiederholte Rückgriff auf Militärherrschaft und, neuerdings, die Marktöffnung gegenüber den multinationalen Konzernen, der internationalen Finanzwelt und den Diktaten des Internationalen Währungsfonds.
Argentiniens Kapitalisten konnten in den ersten fünf Jahren von Perons Herrschaft diese Probleme bis zu einem gewissen Grad unter den Teppich kehren. Die Lebensmittelknappheit im Nachkriegseuropa zog die Preise für argentinische Agrarexporte in die Höhe und die ins Land zurückfließenden hohen Profite ermöglichten es der Regierung, eine mürrische Arbeiterklasse zu befrieden und eine Industrialisierungspolitik zu fahren, die sowohl der mittleren als auch der Kleinbourgeoisie zugute kam. Die Kehrseite dieser Konstruktion zeigte sich jedoch in den frühen 50er Jahren, als der Zusammenbruch der Agrarpreise den Methoden Perons den Boden unter den Füßen raubte. Von 1951 an konnte der argentinische Kapitalismus die Industrie nur mittels Verschärfung der Ausbeutungsrate weiter ausbauen. Das bedeutete, den Lebensstandard, den die Arbeiterklasse mittlerweile genoss, wieder herabzusetzen. Und der Wettkampf, um den argentinischen Kapitalismus auf der Höhe seiner Konkurrenten auf dem Weltmarkt zu halten, bedeutete, dass die Akkumulation verstärkt im Produktionsgütersektor auf Kosten des Sektors für Konsumgüter zur Deckung des Bedarfs der Arbeiter und Mittelschichten stattfinden musste.
Das erklärt, warum die herrschende Klasse 1955 Peron ins Exil schickte, und auch warum jene Sektoren des Peronismus mit den verschiedentlichsten Verbindungen zu den nationalen Kapitalisten gegen seinen Sturz keinen ernsthaften Widerstand leisteten. Das erklärt auch warum in der Zeit von 1955 bis 1983 sich mehr oder minder langandauernde Militärdiktaturen mit viel kürzeren Perioden ziviler Herrschaft abwechselten. Jede industrielle Ausweitungsphase lockte neue Menschen in die Arbeitsstätten und erhöhte das Selbstvertrauen der Arbeiterklasse, was sich sowohl in erhöhter Streikbereitschaft als auch in der Unterstützung für "populistische" peronistische Politiker ausdrückte, die eine zumindest teilweise Rückkehr zu dem Lebensstandard und den Wohlfahrtsleistungen, die die Menschen noch in Erinnerung hatten, versprachen. Zivile Regierungen konnten einem solchen Druck nicht lange standhalten. Der argentinische Kapitalismus hatte allerdings sehr wohl den festen Willen, sich ihm zu widersetzen, und entschied sich schließlich für den Einsatz der rauen Handlanger des Militärs, um die Ordnung wieder herzustellen.
Der letzte dieser Zyklen war jener, der seinen Anfang mit Cordobazo nahm, die peronistischen Regierungen der 70er Jahre umfasste und in der Militärdiktatur der Junta ihren Abschluss fand. Die neuen peronistischen Regierungen versuchten, die Unzufriedenheit unter der Arbeiterschaft mit finanziellen Zugeständnissen zu neutralisieren, ohne die Profite über Maßen anzuzapfen, indem sie die Notenpresse anschmiss, was eine monatliche Inflation von 20 bis 30 Prozent im Jahr 1975 verursachte. Die "Wiederherstellung der Ordnung" durch die Militärdiktatur 1976 wurde mit bislang unerhörter Brutalität vollzogen. Es fanden nicht nur Massentötungen statt. Es kam auch zu einem noch nie da gewesenen Angriff auf den Lebensstandard der Arbeiterschaft. Die Reallöhne waren 1978 nur halb so viel wert wie noch 1975. Damit lagen sie tiefer als 1940.
Die Angriffe auf die Arbeiter und die Linke wurden begleitet von einer massiven Rationalisierungswelle in der Industrie infolge der Überbewertung der Peso, die das Land in ein Paradies für Spekulanten verwandelte. Ein Fünftel aller Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie wurde innerhalb von vier Jahren entlassen, während die übrigen Arbeiter zu Produktivitätssteigerungen von 37 Prozent getrieben wurden. In der gleichen Zeit verloren eine halbe Million Arbeiter im öffentlichen Dienst ihre Stellen. Diese Maßnahmen reichten jedoch nicht aus, um die Probleme des argentinischen Kapitalismus zu lösen. Der wirtschaftlichen Ankurbelung im Jahr 1979 folgte die Stagnation des Jahres 1980 und eine Rezession ein Jahr später, während die jährliche Inflationsrate bei über 100 Prozent harrte. Eine wachsende Unzufriedenheit erfasste nicht nur die verarmte Arbeiterklasse, sondern auch manche Sektoren des argentinischen Kapitals. Der Krieg wegen der Falkland-/Malvineninseln war der Versuch, von diesen Problemen abzulenken. Die militärische Niederlage brachte die Diktatur zum Fall 1983. Damit waren die Schwierigkeiten des argentinischen Kapitalismus noch nicht vom Tisch.

Eine kapitalistische Klasse auf der Suche nach einer Strategie

Der Sieg der Radikalen Partei Alfonsins bei den Präsidentschaftswahlen von 1983 öffnete die Tür zur Neuauflage des klassischen Musters ziviler Regierungen. Die Arbeiter machten Druck, um ihren unter der Junta herabgesetzten Lebensstandard wieder herzustellen. Der argentinische Kapitalismus war nicht stark genug, um solche Zugeständnisse zu gewähren und erhöhte im Gegenzug die Preise, um seine Profite wieder rein zu holen. Ein paar Jahre lang stieg die Produktion. Dann erreichte die Inflation astronomische Werte - 1.470 Prozent in den zwölf Monaten bis Juni 1989, 20.226 Prozent in den zwölf Monaten bis März 1990 - just in dem Augenblick, als die Wirtschaft in eine tiefe Rezession mit einem Produktionsrückgang von 15 Prozent glitt. Währenddessen hatte sich die Auslandsschuld auf $60 Mrd. verdoppelt. Die wirtschaftliche Lage der Arbeiter war noch schlimmer als unter der Junta: Die Reallöhne lagen 1989 rund 25 Prozent unter ihrem Niveau von 1980, das wiederum, wir erinnern uns, noch unter dem von 1940 lag.
Die Gewerkschaften organisierten nicht weniger als 14 Generalstreiks in dieser Periode. Der nackte Hunger befiel nun eine arbeitende Bevölkerung, die einst zu den besternährten der Welt gehörte, und es kam zu Lebensmittelaufständen begleitet von Plünderungen von Supermärkten in Buenos Aires 1989. Die althergebrachte Antwort auf Krisen und Enttäuschung mit einer gewählten Regierung, nämlich der Militärputsch, konnte diesmal nicht mehr funktionieren - drei Putschversuche 1987/88 brachen alle angesichts der landesweiten Gegenwehr (eine Million Menschen ging auf die Straßen gegen den ersten Putsch) und angesichts der Spaltungen innerhalb der Streitkräfte in sich zusammen. Statt dessen kam es zu Wahlverschiebungen, als der Peronist Menem bei den Präsidentschaftswahlen von 1989 haushoch über Alfonsins Radikale Partei siegte.
Die Krise der Alfonsin-Regierung öffnete dem argentinischen Kapitalismus die Augen für die Notwendigkeit einer neuen ökonomischen Strategie. Trotz seiner wiederholten Akkumulationsanstrengungen und seines verzweifelten Wunsches, international konkurrenzfähig zu werden, lag der Pro-Kopf-Ausstoß um ein Fünftel unter dem von vor zehn Jahren!

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